Produktion

Irina Pauls über das Stück

 

Muslime, Christen und Juden sind im Laufe der Geschichte brutal gegeneinander vorgegangen und haben sich in blutigsten Schlachten in den massenhaften Tod geschickt. Waren sie religiös motiviert? Oder ging es um Handels- und Wirtschaftsinteressen? Gleichzeitig haben sie anderswo friedlich zusammengelebt.

 

In der Mitte des 16. Jahrhunderts herrschten im Mittelmeer Seegefechte und Piraterie. Die Osmanen expandierten nach Europa. Um militärisch dagegen halten zu können, etabliert sich der Orden vom Hospital des Heiligen Johannes zu Jerusalem unter der Bezeichnung Malteserorden auf der Insel Malta, dem südlichsten Zipfel Europas.

 

Im Jahr 1565 kommt es zur „Großen Belagerung“ der Insel Malta durch die übermächtige Osmanische Flotte. Das blutige Kampfgeschehen endete mit dem Sieg der Malteser-Ritter trotz dieser für unhaltbar geglaubten Stellung im Kampf gegen die islamische Bedrohung. Der Malteserorden kam in ganz Europa zu Ehren – als das „Schild der Christenheit“.

 

Friedrich Schiller entwickelte eine besondere Vorliebe für diese Thematik und sie beschäftigte ihn fast zwanzig Jahre bis zu seinem Tod. „Er [Schiller] versicherte, nie mit frischerem Mut und froherer Tätigkeit gearbeitet zu haben,“ berichtet der Dichter Friedrich Matthison in seinen Erinnerungen: „Viel Großes und Herrliches bewegt er nun in der Seele; unter anderem den Plan zu einem Trauerspiele, dessen Gegenstand die Belagerung von Malta durch die Türken sein wird. An diesem dichterischen Vorhaben scheint er mit mehr als gewöhnlicher Liebe zu hangen.“ Dennoch entstand die Tragödie nicht. Geblieben sind Fragmente, etwa 80 Seiten gedankliche Umkreisungen und knappe zwei Seiten Dramentext. Mit der Premiere von IT'S SCHILLER! erfährt der Text erstmals eine szenische Umsetzung.

 

Die Aufführung versucht nicht, die unfertigen Teile zu einem Ganzen zu fügen und die Jahre des Ringens von Schiller mit der Darstellung der entscheidenden Vorgänge innerhalb des Ritter-Ordens szenisch abzubilden. Zwischenräume sollen offenbleiben, Motive werden wie im Schillerschen Text durch Variationen vertieft. Es geht um die Essenz der geistigen Welt von Schiller. Sie ist die Inspiration für die Inszenierung.

 

Im Mittelpunkt stand für Schiller die desolate innere Situation im Orden, („Sie sind ungehorsam, sie sind unkeusch, sie sind habsüchtig und hängen dem Reichtum nach...“). Der Druck von außen, die höchste Not, macht es notwendig, dass der Großmeister des Ordens Jean de Valette, die Ritter zur inneren Umkehr zwingt und den geistlichen Sinn unter der Beschränkung ihrer äußeren Freiheit einfordert:

 

Dialog Ritter/ De la Valette:

„Die Wälle sind zerstört, wohinter sollen wir stehen?“

„Hinter eurer Pflicht. Euer Gelübde ist euer Wall, der Johanniter braucht keinen anderen.“

„Wir sind Menschen.“

„Ihr sollt mehr seyn.“

 

Schillers Fragmente befassen sich immer wieder mit der Frage, wie es De la Vallette gelingen kann, die Ritter zum Handeln aus ihrem innerlichen Verstehen zu bewegen und sie zu einer spirituellen Gemeinschaft zu führen. Es ging ihm um Selbsterkenntnis, um eine Unterwerfung von innen heraus.

 

Als „geistliche Person“ sah Schiller dabei den Chor, den er in Anknüpfung an das altgriechische Theater einsetzen wollte: Der Chor sollte teilweise seine Verse singen und an den geistlichen Ursprung des Ordens erinnern. „In keinem seiner abgeschlossenen Dramen hat Schiller die Unterwerfung des individuellen Lebensinteresses unter ein leitendes Prinzip mit ähnlicher Rigorosität wie hier gefordert.“ (Alt, Peter-André: Schiller. Leben. Werk. Zeit)

 

Schiller sah am Ende seines Lebens in diesem Despotismus des Ideals auch eine Versündigung an fremder Freiheit. Die Inszenierung nimmt Friedrich Schillers mal konstruierte und mal enthusiasmierte Suche in dieser fragmentarischen Dichtung auf und widmet sich der Frage, wie weit und wohin der Idealismus und die Opferbereitschaft des Einzelnen manipuliert werden kann.

Cast

 

Konzeption & Choreografie Irina Pauls

 

Musik & Live-Elektronik Matthias Engelke

 

Bühnenbild & Ausstattung Alexander Wolf

 

Gesang & Tanz amarcord (Vokalensemble)

Wolfram Lattke

Robert Pohlers

Frank Ozimek

Daniel Knauft

Holger Krause

 

Tanz

Georg Bergmann

Marc Borras Llopis

Rodolfo Piazza Pfitscher da Silva

Ildikó Tóth

Valenti Rocamora i Tora

 

Produktionsleitung Maria Koch

Assistenz Johanna Rex

 

Koproduktion

Schaubühne Lindenfels

Verein zur Förderung der Vokalmusik - a cappella e.V.

Joachim Speck (Malta-Koordinator)

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